Weinreise: Das Comeback Sardiniens

Weinreise: Das Comeback Sardiniens

Weinreise: Das Comeback Sardiniens


Einst als Mafia-Insel und für seine Billigweine geschmäht, dann an der Costa Smeralda von Reich & Schön wachgeküsst. Heute präsentiert sich Sardinien als Perle im Mittelmeer, mit tollen Weinen und ebensolcher Küche.

Bis in die 1970er Jahre diente der sardische Wein meist zum Verschneiden. In anonymen Behältern wurde er auf das italienische Festland und ins Ausland verkauft, um Alkoholgehalt, Farbe und Aroma blasser Weine aufzupolieren. Dass es sich dabei um billigste Qualitäten handelte, bedarf keiner Erwähnung.

Heute zeichnet sich die Insel durch eine breite Palette von unterschiedlichen Weinen aus, von denen viele unter der Ursprungsbezeichnung D.O.C. (Denominazione di Origine Controllata) und dem Gütesiegel D.O.C.G (Denominazione di Origine Controllata e Garantita) vermarktet werden.

Auf etwa 43.000 Hektar sind die Rebflächen angewachsen, die sich auf den Norden, den Westen und den Süden der Insel verteilen. Umgeben vom Meer, herrscht hier ein sehr mildes, mediterranes Klima. Die Terroirs bringen die von Sonne und Wind verwöhnten sardischen Rebsorten hervor.

Cannonau & Vermentino Zu den bekanntesten Rebsorten der Insel gehören der kräftige rote Cannonau (= Grenache) sowie der Carignano und der weiße Vermentino, dessen Qualitäten von leicht und frisch bis dicht und gehaltvoll, im Holz gereift, reichen. Weitere auf Sardinien gepflegte autochthone Rebsorten sind bei den Weißweinen Torbato (trocken) und Nuragus (lieblich und leicht prickelnd). Dazu die Dessertweine aus Moscato und Malvasia, sowie der Vernaccia di Oristano, ein Sherry-ähnlicher Wein. Bei den Rotweinen haben noch die einheimischen Sorten Girò (süß) und Monica (eher leicht) einen gewissen Stellenwert, werden aber nicht exportiert.

Von den internationalen Rebsorten spielen Cabernet Sauvignon und Chardonnay eine gewisse, wenn auch untergeordnete Rolle. Wichtige Winzer sind etwa Argiolas, Sella & Mosca, Capichera und Anitchi Poedere Jerzu, weiters Cantina di Santadi, Surrau, Siddùra, Mesa und Masone Mannu.

Abseits von Schön & Reich Die Insel Sardinien, etwa 200 Kilometer entfernt vom italienischen Festland und auf der Höhe von Rom gelegen, hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Archäologische Funde belegen, dass hier Weinbau mindestens seit 1200 v. Chr. betrieben wurde. Sardinien gilt dank der Luxusmeile Costa Smeralda (Smaragd-Küste) als Jetset-Hotspot und extrem teuer. In der Tat sind an kaum anderen Flecken Europas im Sommer derart viele Luxusyachten in geballer Formation zu finden, wobei wir schon von wirklich großen Exemplaren reden, nicht von Sportbooten. Wo das Geld so schön schwimmt, sind alle Preise stark überhöht.

Abseits der Red Carpets für Schön & Reich präsentiert sich Sardinien ganz anders. Urig und gemütlich, entschleunigt und karstig, was der Granit gewordenen Lava-Optik geschuldet ist, die die Landschaft der Insel prägt. Über teils enge Straßen werden die einzelnen Buchten erschlossen, die das eigentliche Herz Sardiniens sind: nirgends am Mittelmeer gibt es schönere Sandstrände, herrlicheres und wärmeres Wasser. Ein Paradies von Sonne, Strand und Meer. Das Preisniveau entspricht dann dem mitteleuropäischen. Seit Austrian Airlines im Sommer Olbia und Calgliari wieder in den Flugplan aufgenommen haben, ist Sardinien ein Stück näher an Österreich gerückt, konkret mit weniger als zwei Flugstunden.

Die früher als Armenhaus Italiens gegoltene Insel war bis in die 1960er und 1970er Jahre vor allem im unwegsamen Inneren Rückzugsgebiet der sardischen Mafia, die sich unter anderem durch Entführung, Schmuggel und Erpressung ihr schmutziges Geld verdiente.

Gourmet-Paradies Die Küche Sardiniens ist vorzüglich, greift in der Tradition auf einfache, aber erstklassige Zutaten und ebensolche Zubereitungen zurück. Rund um die Insel werden beste Fische und Meeresfrüchte aus dem Wasser gefischt, selbst feine Austern gibt es hier. Das führt dazu, dass die Angebote in den Restaurants an frischer Ware fast überbordend sind. Langusten etwa sind allgegenwärtig, schmecken besonders zart und erwecken mitunter den Anschein des Grundnahrungsmittels. Nirgendwo sonst findet man derart reich mit Langusten und Hummer oder den exzellenten roten Wildfanggarnelen drapierte Teller und Tafeln. Ein Gedicht die Langusten-Spaghetti, wo ein ganzes Tier meist für zwei Portionen verbraucht wird. „Spiny lobster in it‘s own sauce“ nennt sich das dann und spielt an auf den einzigartig intensiven Fonds, in dem die Pasta geschwenkt wird.

Neben den Fischen spielt in der sardischen Küche Lamm und Zicklein eine große Rolle, dazu Gemüse und Getreide, aus dem zum Beispiel herzhafte Eboli-Reisgerichte gezaubert werden. Obst gibt es auf Sardinien generell nur sonnengereift. Geschmacklich hat das mit der im Kühlhaus oder am Transport gereiften Ware nichts mehr zu tun.

Kostnotizen


WEISSWEINE

Tuvaoes 2017, Cherchi (Usini)
Vermentino, 3 Bicchieri im Gambero Rosso, schönes Pendant zu Grünem Veltliner und Chardonnay, cremige Textur, elegante Fülle, reife Frucht, Karamell, Nougat, feine Holznoten, lang, dicht, Preis-Leistung top, 14% Alkohol.
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Capichera 2016, Giovanelle & Alberto Ragnedda (Arzachena)
Trauben von der Isola dei Nuraghi. Vermentino ganz typisch, stoffig mit dunklen Noten bis zu feinherber Kräuterwürze. Lychee und Birne, engmaschig am Gaumen, 14,5% Alkohol, gut eingebunden, schöner Fluss.
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Capichera VT 2014, Giovanelle & Alberto Ragnedda (Arzachena)
Vermentino at it’s best, ganz großer Wein! Alte Rebanlagen (VT), extrem stoffig, tief und lang, kraftvoll, macht Druck am Gaumen, bleibt aber stets elegant. Reife Früchte, schöner Holzeinsatz, Karamell, etwas rauchig, braucht Luft, 15% Alkohol, sehr gut eingebunden. Der größere Bruder des Capichera mit längerer Fass- und Flaschenreife.
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Sciala 2016 Vendemmia Tardiva, Surrau (Arzachena)
Vermentino di Gallura; cremige fülle, sehr sortentypisch, feines Holz und Vanille; lang, kraftvoll, reife Birnen, Kompott, Kräuter, Heu. Etwas breit, aber gut. 14,5 % Alkohol.
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Maia 2016, Siddùra (Luogosanto)
Vermentino di Gallura, Primärfrucht, frisch, Zitrus, guter Fluss und Animo, unkompliziert, schöne Frucht-Säure-Balance, dunkle Noten, Heu, etwas Rauch, Kräuterwürze, 14,0 % Alkohol.
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Opale Dopo 2013, Mesa (Annaarresi)
Fast reinsortiger Vermentino mit rund 5% Chardonnay, der sich aber im Charakter des Weines durchaus stärker bemerkbar macht. Aromen reifer Früchte, elegan balanciert, florale Noten, etwas Tee (Jasmin), feine Tannine sorgen für Vanilletöne, durchaus füllig und cremig, Nougat. Braucht Luft, Zeit und großes Glas, 14,0% Alkohol.
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ROTWEINE

Entu 2014, La Cantina Masone Mannu (Pitrizza)
Trauben von der Isola dei Nuraghi, Cuvèe aus Carignano und Cannonau, je 50 %. Wunderbare Frucht, erste Reife, vielschichtig, Brombeeren bis Stachelbeeren, etwas Zwetschkenröster, Cassis, dicht und lang, saftig und kräftig, schöner Fluss, 15% Alkohol gut eingebaut.
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Terre Brune 2014, Santadi (Santadi)
Carignano del Sulcis, maischevergoren in französischen Barriques. Wunderbarer Stoff, dicht, saftig, lang, den Gaumen üppig füllend. Feine Rotweinsüße, überreife Früchte, feine Vanille; ein Kraftlackel, aber feinfühlig, 15% Alkohol.
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Tenores 2010 Badde Nigolosu, Tenute Dettori (Sennori)
Traumwein aus Traumjahrgang! Bio erzeugt, „vegan friendly“, direkt vergoren ohne technische oder chemische Hilfe, unfiltriert. Der Text am Rückenetikett geht ins Eingemachte: „Sorry, aber wir folgen nicht den Markttrends, wir machen Weine, die uns schmecken, Weine aus unserer Kultur. Diese Weine sind wie sie sind und nicht, wie man sie erwartet….Jede Flasche kann anders sein, Inhalt: Trauben“. - Überbordend reife Früchte, Zesten, Röster, Beerengrütze, Brombeersaft, Rotweinsüße, etwas Restzucker, Portwein, endlos lang, gewaltig, aber nicht marmeladig, guter Fluss! 17% Alkohol, für die Ewigkeit.
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Turriga 2014, Argiolas (Serdiana)
Das internationale Aushängeschild des sardischen Weinbaues, damit gelang nicht nur Argiolas der Durchbruch, sondern der ganzen Insel. Wächst ebenfalls auf der Isola dei Nuraghi. Reinsortiger Carignano, Bordeaux-Stilistik, sehr elegant, vielschichtig, dicht, stoffig, endlos lang. Reife Herzkirschen, Portweinnoten, Minze und Kräuterwürze, dunkle Schoko, Rotweinsüße, dicht, aber dezent; braucht viel Luft, für die Ewigkeit gemacht, 14,5 % Alkohol, perfekt eingebunden.
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Buo Buo 2015, Mesa (Annaarresi)
Carignano del Sulcis Riserva, etwas hellfruchtiger und leichtfüssiger als andere Sortenvertreter, für sardischen Rotwein markante Säure, elegante Struktur, gut balanciert, braucht Luft, 14,5 % Alkohol, gut eingebunden.
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Siddaju 2014, Tondini (Calangianus)
Nebbiolo; primärfruchtig, Kirsche, Weichsel, Heidelbeer, etwas Zwetschke, weiters Noten von Schokolade, Tabak, feine Tannine, schöne Länge und Tiefe, gute Struktur. Trotzdem gedeiht Nebbiolo besser im Piemont. 14,5 % Alkohol.
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Capichera Manthènghja 2010 Due Mila Dieci, Giovanelle & Alberto Ragnedda (Arzachena)
Dichter Stoff, 14,5 % Alkohol sehr gut eingebunden, ebenso tolle Tannine, super Struktur. Fluss und Länge, Tiefe und Saft, viel Animo; reife dunkelrote Früchte, Kirsche, Beeren. Ist am Beginn der erste Reife, viel Potenzial, großer Wein von der Isola die Nuraghi. Oberes Preissegment, im Fachhandel vor Ort rund 90 Euro pro Flasche.
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Erwin Goldfuss
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