Roh von der Schale: Von den einen verteufelt, von anderen hochgelobt – die noch relativ junge Kategorie aus möglichst eingriffsarm produzierten, folglich als „raw“ bezeichneten Weinen lässt kaum eine weinaffine Person kalt. Ein breites Spektrum an originellen Weinstilistiken von teils ausgezeichneter Qualität.

Zur Beschreibung dieser Weine schwirren Begriffe wie Orange und Raw Wine, Naturwein und Natural Wine wie auch Alternativwein herum, dazu die kellertechnisch eher interpretationselastische Bezeichnung Maischekontakt sowie der präzisere Begriff Maischegärung beziehungsweise maischevergoren.

Der österreichische Gesetzgeber formuliert dazu im Weingesetz: „Bei Landwein sind eine Trübung und eine oxidative Note nicht als Weinfehler anzusehen; der Wein ist verkehrsfähig, wenn er die Zusatzbezeichnungen ‚Orangewein‘ oder ‚orangewine‘ trägt.“ Rebsorte und Jahrgang können, aber müssen nicht angegeben werden, als Herkunftsbezeichnung ist auch schlicht „Österreich“ zulässig.

Weiter heißt es: „Biologisch wirtschaftende Betriebe“ dürfen bei diesem Weintypus die Zusatzbezeichnung „natural wine“ statt „Orangewein“ angeben. Verboten sind hier jedoch eine Anreicherung zur Erhöhung des natürlichen Alkoholgehaltes, eine Süßung sowie der Zusatz von Weinbehandlungsmitteln, außer Bentonit und schwefliger Säure.

Die Bezeichnung „raw“ (deutsch: roh, rau) schließlich bezieht sich auf die urtümliche, von möglichst geringen Eingriffen geprägte Machart; man versteht sie am besten im Sinne von unverfälscht.

Orange muss nicht bio sein

Als Essenz für alle, die dem begrifflichen Treiben nicht mehr folgen können oder wollen, bleiben folgende Kernaussagen: Orange hat nicht zwangsläufig etwas mit biologischer Bewirtschaftung zu tun, und Maischegärung ist hierzulande weder bei Orange als auch Natural verpflichtend.

Bei der Vinaria Verkostung ging es um die Vergärung von Weißweintrauben auf der Maische. Diese traditionelle Praxis wurde in verschiedenen Ländern entweder fortgeführt oder aber neu belebt – vorweg zu nennen ist hier die Republik Georgien, in der die Maische seit jeher in große, im Boden vergrabene Tongefäße („Qvevri“) gefüllt und dort belassen wird.

Großen Einfluss auf die rot-weiß-rote Winzerschaft hatten natürlich derart orientierte Erzeuger aus benachbarten Gebieten wie Friaul, Brda und Istrien, die schon früh auf Praktiken wie Mazeration und Maischegärung sowie low- und non-intervention setzten.

Vergärung wie bei Rotweinen, ohne Stiele

Bei Durchführung einer Maischegärung wird die Weißweinbereitung jener der Rotweine angenähert, wobei das Traubengut mehrheitlich gerebelt wird, also keine Stiele verwendet werden. Danach kann der Wein abgezogen werden oder aber auf der Maische verbleiben – Tage oder Monate.

Keine Rückschlüsse lässt die Maischegärung auf die in jeder Phase verwendeten Behältnisse zu. Der Wein kann im Edelstahl, Holz, Beton oderTon vergoren und anschließend in einem Gefäß gleicher oder ganz anderer Materialbeschaffenheit gelagert oder auch kurz darauf abgefüllt werden.

Maximum an Hygiene und Sauberkeit erforderlich

Trotz oder gerade wegen der Machart dieser Weine sollte in dieser Weinkategorie ganz besonders auf Sauberkeit und Reintönigkeit geachtet werden. Aufgrund der dafür verwendeten Methoden ist die Gefahr unerwünschter chemischer Reaktionen sowie mikrobieller Infektionen größer, weswegen im Keller mit entsprechender Sorgfalt vorgegangen werden sollte.

Überhöhte Gehalte an flüchtigen Säuren, Diacetyl oder Mercaptanen, aber auch übermäßige Oxidation wurden von der Jury ebenso negativ beurteilt wie Fehltöne, die von der Verwendung unsauberen Traubenmaterials stammen oder aufgrund mikrobieller Infektionen im Keller zustande kommen. Auch vegetabile Noten und grünes Tannin sind der Harmonie der Weine nicht unbedingt zuträglich.

Gut 90 Weine wurden zur Vinaria Verkostung maischevergorener Weißweine eingereicht. Die Bandbreite an Sorten, Jahrgängen und Cuvées war schon sehr groß, deutlich vergrößert wurde die Bandbreite noch durch die unterschiedlichen Vorgangsweisen wie Verweildauer auf der Maische, Schwefelzugaben, Gär- und Lagergefäße und viele weitere Faktoren.

Ebner-Ebenauer vor Pittnauer und Nikolaihof

Der Gesamteindruck der Verkostung war sehr positiv; gerade der Bereich ab 15 Punkten war stark besetzt. In der Spitze gab es tolle Überraschungen aus unterschiedlichen Gebieten und Sorten. Hervorragend präsentierte sich der Natural Wine aus Grünem Veltliner und Traminer vom Weingut Ebner-Ebenauer – Mitglieder bei der biodynamischen Respekt-Gruppe –, der seine Spitzenstellung auch im abschließenden Finale der besten Weine klar untermauerte.

Hervorragende Weine stellten die Raw-Wine-erfahrenen Golser Betriebe von Gerhard Pittnauer mit Blonde by Nature, Perfect Day und Mash Pitt sowie Gernot Heinrich mit seinen Freyheit-Weinen, vor allem Muskat. Ausgezeichnet präsentierte sich zudem der Nikolaihof der Familie Saahs in Mautern in der Wachau mit der Semicolon-Linie, allen voran der Riesling. Ähnliches gilt für das Weingut Mayer, Gut am Steg aus Spitz.

Beachtliche Kreszenzen kamen aus dem Kamptel in Gestalt der Weine von Magdalena Haas vom Weingut Allram und Maximilian Aichinger, knapp gefolgt von Erzeugern wie Faber-Köchl, Brindlmayer, Josef Fritz und Winzer Krems sowie den Steirern Peter Skoff und Eduard Tropper.

 

Topliste: Maischevergorene Weißweine aus Österreich

17,2 Weingut Ebner-Ebenauer 2021 Natural Wine (GV, RT) WL
16,8 Weingut Pittnauer 2022 blonde by nature Ö
16,7 Nikolaihof Wachau 2020 [semicolon] Riesling Ö
16,7 Weingut Pittnauer 2022 perfect day Ö
16,6 Weingärtnerei Aichinger 2021 Traminer „T“ Ö
16,6 Weingut Heinrich 2022 Muskat Freyheit Ö
16,6 Jugend Wines – Magdalena Haas 2018 GM Jugend by Magdalena Haas Ö
16,6 Weingut Mayer 2021 Müller-Thurgau WL
16,5 Weingut Faber-Köchl  2021 GV Natur WL
16,4 Karl Brindlmayer NV Mash Affair Orange Wine Secret New Vibes Ö
16,3 Josef Fritz 2016 RV Gondwana Ö
16,2 Weingut Pittnauer 2022 mash pitt Ö
16,2 Peter Skoff – Dom. Kranachberg     2020 Ex Baca Ried Kranachberg SST
16,2 Winzer Krems 2022 GV Orange Ö
16,1 Josef Fritz 2021 Tertiär T. Ö
16,1 Eduard Tropper NV Pannonian Dry Sauvignon Blanc auf Schale Ö
16,0 Familie Bauer 2021 Bärig Alte Reben Ö
16,0 Claudia & Josef Bauer 2022 Orangonaut Ursprung 98 Ö
15,9 Weingut Humer 2018 GV Kern & Schale WL
15,9 Martin Machalek 2020 GV Orange Fuchs Du hast die Kräuter gestohlen WL

 

Topliste: Maischevergorene Weißweine Best Buy bis 14 Euro

16,8 Weingut Pittnauer 2022 blonde by nature Ö € 12,90
16,2 Winzer Krems 2022 GV Orange Ö € 12,00
16,0 Familie Bauer 2021 Bärig Alte Reben Ö € 10,70
15,9 Weingut Humer 2018 GV Kern & Schale WL € 9,90
15,7 Familie Bauer 2022 GV Hollötrio Ö € 10,70
15,7 HBLA Klosterneuburg 2021 Back to the Future Orangewein WL € 9,90
15,6 Weingärtnerei Engelbrecht 2022 Traminer Orange WL € 12,00
15,6 Jugend Wines – Magdalena Haas 2020 White Jugend by M. Haas Wild Edition Ö € 12,00
15,5 Angelo Spielauer & Florian Bauer (C&J Bauer) 2022 Cuvée Naturelle Ursprung 98 Ö € 12,90
15,5 Feiler-Artinger 2019 WR O.S. Olé Bio WL  € 13,50
15,5 Die Schwertführerinnen 2021 X-Treme (RG, GM) TH € 10,90
15,4 Josef Fritz 2021 Tertiär S. Ö € 16,00
15,1 Weingut Tallian 2021 GM MG BG € 12,00
15,0 Weingut Baumgartner 2022 Orange Wine Grüner Veltliner WL € 12,90

 

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Nikolaus Saahs mit seiner Katharina vom Nikolaihof in Mautern. © Julius Hirtzberger
Maximilian Aichinger aus Schönberg am Kamp. © Julius Hirtzberger
Gernot und Heike Heinrich mit Schafen als Weingartenhelfer. © Weingut Heinrich, Fotografin Sophia Schillik
Magdalena Haas vom Weingut Allram hat ihre eigene Weinlinie. © Weingut Allram
Manfred Ebner-Ebenauer © Maximilian Salzer
Gerhard und Brigitte Pittnauer © Weingut Pittnauer
Franz & Barbara Mayer vom gleichnamigen Weingut in Gut am Steg in der Westwachau. © Nimo Zimmerhackl
Anna Faber Köchl im Weinkeller. © Weingut Faber-Köchl
Karl Brindlmayer aus Traismauer-Wagram. © Robert Herbst
Irene und Josef Fritz aus Zaussenberg. © Weingut Josef Fritz
Peter der Ältere mit Sohn Peter vom Weingut Peter Skoff. © Gregor Schiefer
Die Familie Bauer aus Zaussenberg: Claudia und Josef (Mitte), flankiert von Kindern Sophie (re) und Florian) (li). © Weingut Familie Bauer
Franz Arndorfer und Ludwig Holzer von den Winzer Krems. © Robert Herbst
Josef Bauer © Gerald Hoermann
Petra, Franz und Michael Humer aus Maissau. © Weingut Humer
Martin Machalek aus Pernersdorf. © Astrid Bartl