Wein & Co vor Sprung nach Deutschland?

Wein & Co vor Sprung nach Deutschland?

Wein & Co: Gastro-Konzept vor Sprung nach Deutschland?


Die Übernahme der Handelskette Wein & Co, Marktführer in Österreich, durch den deutschen Branchenriesen Hawesko, unangefochtener Marktführer in Deutschland mit dickem Markenportfolio, schlägt dort hohe Wellen. Anders als in Österreich, wo Wirtschaftsnachrichten dieser Art mehr oder weniger gleichgültig hingenommen werden, durchleuchten deutsche Experten sehr wohl die möglichen Folgen dieser Fusion.

Hawesko ist mit über 500 Millionen Euro Jahresumatz fast 12x so groß wie Wein & Co. Dies entspricht aber in etwa der Dimension der Märkte. Somit handelt es sich schon um eine Gigantenfusion, beide sind dominant in ihren Heimatmärkten.

Dazu kommt, dass die wohl erfolgreichstes Entwicklung von Wein & Co, die Kombination aus Weinshop und trendiger Gastronomie, offenbar vor dem Sprung nach Deutschland steht. Hawesko dürfte planen, dieses Konzept zumindest versuchsweise in Deutschland zu etablieren. Heinz Kammerer, Wein & Co-Gründer, wollte das immer schon. Die hohen Kosten hatten ihn bisher abgehalten.

In Deutschland machen sich Fachleute auch Gedanken über möglicherweise gefährlichen Auswirkungen der Elefantenhochzeit. „die weinräte“, ein Team der Beratungskanzlei Wein & Rat GmbH, haben dazu einen analytischen Kommentar verfasst, den Vinaria auszugsweise veröffentlicht:

Von Weinromantik keine Spur


Vom privaten Weinfreund kaum wahrgenommen, hat sich die Weinhandelslandschaft in Deutschland in den letzten Jahren stark gewandelt und ist kaum noch wiederzuerkennen. Der klassische Alt-68er abgebrochene Lehramtsstudent, der um die Ecke im Nachbarstadtteil einen kleinen romantischen Weinladen betreibt, ist schon fast ausgestorben. Stattdessen dominieren wenige große Player den deutschen B2B- und B2C-Weinhandel. Mit der neuen Übernahme verschärft sich die Situation – ein Quasi-Oligopol ist entstanden. Dies hat auch gravierende Auswirkungen auf die Winzer in Deutschland und Europa. Mittelfristig könnten diese wenigen Player zukünftig ihre Marktmacht ausnutzen und die Weinpreise nach ihren Wünschen diktieren.

Schon so mancher aufmerksame Gourmet hat sich bestimmt gewundert: Egal ob beim Gang zu seinem Lieblingsitaliener, ins kleine Bistro um die Ecke oder in die wie Pilze aus dem Boden sprießende moderne deutsche Szenegastronomie. Gewisse Weine finden sich auf Weinkarten immer wieder. Ob Taittinger Champagner zum Aperitif, Mouton Cadet de Rothschild, Bordeaux; Robert Mondavi, Kalifornien; Antinori, Toskana oder Kloster Eberbach aus dem Rheingau – all diese Weingüter und noch viele Dutzend mehr, kommen aus einem Haus: von Wein Wolf, der Großhandelstochter der Hawesko Holding AG, mit 507 Mio. € Umsatz Deutschlands größter Weinhändler.

Als mit Abstand größter B2B-Zulieferer bietet diese dem Gastronom eine extrem verlockende, kaum auszuschlagende Dienstleistung an: „Wir nehmen Ihnen die ganze Arbeit ab und machen Ihre gesamte Weinkarte. Sie brauchen dann nur noch bei uns bestellen. Alles aus einer Hand bis hin zur vereinfachten Abrechnung!“ So, oder so ähnlich, lautet die Argumentationskette des Wein Wolf Außendienstes.

Für immer mehr Gastronomen ist das eine große Hilfe und diese nehmen das Angebot bei der offensichtlichen Weinvielfalt gerne an. Dabei vergisst er aber, dass in Großstädten meist nur wenige 100 m entfernt im nächsten Restaurant seinem (in)direkten Wettbewerber eine fast deckungsgleiche Weinkarte angeboten wird. Getrieben von Sonderaktionen, Incentives und bekannten Namen, kommt es so zu einer Quasi-Gleichschaltung des Weinangebots.

Dasselbe gilt für den Weinfachhändler. Trotz EU ist es immer noch einfacher nicht selbst zu importieren oder den Kontakt mit dem heimischen Winzer zu halten. Stattdessen wird von einigen wenigen Großhändlern gekauft. Neben Wein Wolf / Hawesko sind dies z. B. Schlumberger / Underberg, Weinkontor Freund, Eggers & Franke. Der allgegenwärtige Miraval Rosé des Ex-Ehepaars Angelina Jolie & Brad Pitt ist hierfür ein gutes Beispiel.

Jetzt ist es mal wieder soweit, die nächste Fusionsrunde in Europa läuft. Hawesko hat sich Wein & Co, Österreichs führende Weinhandelskette einverleibt. Diese hat den Weinhandel im Nachbarland von Grund auf revolutioniert. Getragen vom dortigen nationalen Weinboom der letzten Jahre, gehören zu den 20 Filialen auch 7 Weinbar- und Restaurantbetriebe. Statt nur Weinhandel und nur Restaurant, wurden in 2016/17 durch einen intelligenten Mix aus Weinbar mit Bistrocharakter rund 43 Mio. € Umsatz erzielt. Die seit Jahren geplante aber für ein mittelständisches Unternehmen wohl zu fordernde Expansion in das weltweit führende Weinimportland Deutschland wird mutmaßlich nicht lange auf sich warten lassen.

Dann würde Hawesko seinen eigenen Wein Wolf Kunden noch mehr Konkurrenz machen. Mit heute schon 306 Jacques‘ Weindepots, den Wein & Vinos Filialen und ganz neu, mit den beiden Weinladen Shops für Millenials, werden Fachhändler schon heute unter Druck gesetzt. Morgen werden sich dann auch immer mehr Szenegastronomen wundern, warum sie bei ihrem eigenen Wettbewerber Wein einkaufen sollten.

Auch Online ist Hawesko sehr gut aufgestellt. Nach der Übernahme von Wein & Vinos, dem führenden Onlineshop für spanischen Wein in 2011, wurde Ende 2016 mit dem Online-Portal Wir Winzer der Nr. 2 Shop für deutsche Winzerweine gekauft.

Die Eggers & Franke Holding ist auch nicht mehr selbständig, sondern seit März 2018 eine Tochter der Rotkäppchen-Mumm Sektkellereien. Ein sehr geschickter Schachzug der Freyburger. Mit einem Marktanteil von über 55 % am deutschen Sektmarkt, darf Rotkäppchen-Mumm mit seinen Marken Rotkäppchen, Mumm, Jules Mumm, MM, Geldermann etc. aus Sicht des Bundeskartellamts in Deutschland mit Schaumwein eigentlich nicht mehr weiterwachsen. Dies hat man durch die Übernahme eines der führenden Weinimporteure elegant umgangen. Eine Vielzahl von internationalen Champagner-, Prosecco-, und Cava-Marken gehören somit indirekt für den deutschen Markt zum Portfolio von Rotkäppchen-Mumm. So kann man auch wachsen.

Alle anderen großen Weinplayer fusionieren auch. Die Henkell & Co. Sektkellerei KG, eine Tochter der Dr. August Oetker KG, hat in den letzten Jahren in Italien (Mionetto Prosecco) und aktuell in Spanien (Freixenet Cava) gekauft. Einer der größten Schaumweinhersteller der Welt, die Schloss Wachenheim AG (ehem. Sektkellerei Faber) hat Mitte 2017 mit Rindchen.de eine der letzten großen unabhängigen Privat-Weinfachhandelsketten gekauft. Ein großer Familien-Wein-Webshop, Silkes Weinkeller, war zuvor schon von Burda gekauft worden.

Was bedeutet dies alles nun für den deutschen Weinmarkt? Nur scheinbarer Gewinner ist der Konsument. Aktuell hat dieser dank Internet und Regionalisierung im deutschen LEH sogar mehr Auswahl als früher. Aber sein Lieblingswinzer aus den Urlaubsländern am Mittelmeer schafft es bei so einer Einkaufmacht nicht, nördlich der Alpen Fuß zu fassen. Nur einige wenige Großweingüter und Kellereien bleiben übrig. Diese suggerieren mit einer Vielzahl an Untermarken eine nur scheinbare Riesenauswahl für den Weingenießer. Und inwieweit die Oligopolisierung zu steigenden Wein-Verkaufspreisen führen könnte, bleibt abzuwarten.

Noch schwieriger wird aber die Situation für den klassischen deutschen Winzer. Nicht nur, dass er – übertrieben ausgedrückt – am Vormittag auf dem Traktor sitzt, am Nachmittag im Keller die Weine pflegt und sich am Abend um die Administration kümmert. Zusätzlich soll er an den Wochenenden auch noch entweder auf Weinfesten mit seinem Ausschankwagen stehen, oder lustig-charmante Weinproben in seinem Gut für Weinfreunde halten. Das Familienleben blieb da schon in der Vergangenheit auf der Strecke.

Der Druck auf die Winzer wird größer, noch professioneller zu werden. Die Weinbauer-sucht-Frau-Romantik ist schon lange passé. Mehr Arbeitsteilung, mehr Konzentration auf die eigenen, individuellen Stärken bei Verteilung der Fixkosten tut Not. Da, wo die klassische Landwirtschaft schon seit Jahren ist, müssen deutsche Winzer erst hin. Noch kann die Anzahl an Winzern, die GPS-gesteuert effizient ihre kleinteilig parzellierten Weinberge punktgenau bearbeiten locker an einer Hand abgezählt werden.

die weinräte by Wein & Rat GmbH ist ein Unternehmen, das Experten aus den Bereichen Weinbau, Önologie, Betriebswirtschaft und Marketing miteinander vereint und sich auf die Vermittlung von Weingütern spezialisiert hat. Aus der Plattform für Betriebsnachfolge ist eine stetig wachsende Beratungsfirma geworden, die alle Aspekte der Weinbranche abdeckt. Zur klassischen Unternehmensnachfolge, Beteiligungen & Anlageobjekten kam das große Feld der operativen und strategischen Beratung von Weingütern hinzu.

die weinräte by Wein & Rat GmbH
D-65366 Geisenheim
T: +49 6722 90 85 121
www.dieweinräte.de; info@dieweinraete.de
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