Schilcher: Die Geschichte des Blauen Wildbachers

Schilcher: Die Geschichte des Blauen Wildbachers

Schilcher: Die Geschichte des Blauen Wildbachers

„Sie haben Uns einen rosaroten Essig vorgesetzt, den sie Schilcher nannten“, notierte Papst Pius VI. in seinem Tagebuch. Seither hat sich Grundlegendes getan. Aus der Blauen Wildbacher-Rebe werden Weine gekeltert, die alles andere als langweilig sind, und Essig schon gar nicht. Vinaria-Autor Wolfgang Wachter begab sich auf Spurensuche.

Man schrieb das Jahr 1782, als Papst Pius VI. auf seiner Reise nach Wien zu Kaiser Joseph II. im Franziskanerkloster Maria Lankowitz bei Köflach abstieg. Als Italiener war der Pontifex Maximus vermutlich so saure Weine wie den Schilcher nicht gewohnt. Köflach ist heute bekannt wegen der Lipizzaner, die im Ortsteil Piber gezüchtet werden. Diese edlen Pferde zieren das Logo der Schilcher-Schutzmarke „Weißes Pferd“.

Herkunft und Abstammung - Man ging lange Zeit davon aus, dass die Blaue Wildbacher-Rebe schon um 400 v. Christus von den Kelten im Gebiet der heutigen Steiermark sowie der ehemaligen Untersteiermark aus einer heimischen Wildrebe gezüchtet wurde. Ihren neuzeitlichen Namen soll sie dem Ort Wildbach im Bezirk Deutschlandsberg verdanken. Erstmals als Sorte, und zwar als Schilcher, wurde sie im Jahr 1580 in einem Weinbuch von Johann Rasch beschrieben. Dieser österreichische Kleriker, Schriftsteller, Musiker, Mathematiker und Buchhändler ist der Autor eines der ältesten Weinbücher in deutscher Sprache.

Bis zur wissenschaftlichen Klassifizierung anno 1842 dauerte es nochmals mehr als 260 Jahre. Hermann Goethe, vielbeachteter Autor von Weinbüchern und Gründungsdirektor der Weinbauschule Marburg an der Drau, dem heutigen Maribor, beschreibt die Blaue Wildbacher-Rebe 1887 in seinem Handbuch der Ampelographie als urwüchsige Sorte, die sich jedem Boden, jeder Lage und jeder Pflanzart anpasst.

Einen richtigen Aufschwung erlebte diese Varietät durch den steirischen Landesvater Erzherzog Johann, der Mitte des 19. Jahrhunderts ein neues wirtschaftliches Standbein für die Region Weststeiermark suchte und in diesem Zusammenhang den Schilcher pushte.

Heute weiß man dank der Rebengenetik, dass es sich beim Blauen Wildbacher um einen Heunisch-Sämling handelt, der mit Blaufränkisch nahe verwandt ist. Heunisch war in Mitteleuropa bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die wichtigste Weißweinsorte, die für hohen Ertrag und späten Austrieb bekannt war, was sie recht unempfindlich gegen Spätfröste machte – damals eine wichtige Eigenschaft. Der Blaufränkisch mit seiner intensiv roten Farbe hingegen ist als früh austreibende Sorte latent spätfrostgefährdet. Die aus Heunisch gekelterten Weine waren betont schlank und sehr säurereich. Was die Säure angeht, kann der Blaue Wildbacher die Verwandtschaft nicht leugnen. Die Forschung sagt uns, dass 119 der heute bekannten Rebsorten vom Heunisch abstammen.

Verbreitung & Klone - Die längste Tradition hat der Blaue Wildbacher in der Weststeiermark, dem Schilcherland. Von den insgesamt 546 ha Weingärten sind hier rund 450 ha mit dieser Varietät bestockt. In diesem hügeligen, zum Teil sehr steilen Gebiet wächst Wein bis auf eine Seehöhe von rund 600 m. Diese Topographie begünstigt tagsüber eine starke Erwärmung und bietet einen gewissen Schutz vor den rauen Winden der Koralpe.

In Deutschland findet man diese Sorte primär an der Hessischen Bergstraße. Dort ist sie auch unter dem Namen „Willbacher“ bekannt. Genetische Untersuchungen durch die Hochschule Geisenheim und die Höhere Bundeslehranstalt und Bundesamt für Wein- und Obstbau Klosterneuburg haben gezeigt, dass die aus Deutschland stammenden Wildbacher-Typen genetisch in vier Gruppen eingeteilt werden können. Es gibt markante Unterschiede im Ertrag, im Säuregehalt des Mostes und in der Anfälligkeit für Botrytis. Das mag auch die unterschiedlichen Bezeichnungen wie „Echter Blauer Wildbacher“, „Schlehenblättriger Blauer Wildbacher“ oder „Spätblauer Wildbacher“ erklären. Es wurde nachgewiesen, dass es sich dabei um eigenständige Sorten handelt.

In Österreich gibt es unterschiedliche Klone, die zwei Genotypen zuzuordnen sind: Blauer Wildbacher Typ Frühblau und Blauer Wildbacher Typ Spätblau. Der Typ Frühblau besitzt größere Blätter mit tieferer Lappung als der Typ Spätblau, grobere Zahnung und stärkere Behaarung der Blattunterseite. Die Trauben sind groß, geschultert und eher dichtbeerig, sie reifen etwas früher. Der Typ Spätblau hat Blätter mittlerer Größe mit feiner, spitzer Zahnung. Die Trauben sind kleiner und lockerer. Sie reifen etwas später. „Später Wildbacher“, wie er auch genannt wird, enthält sogar noch Gene von Wildreben.

Eigenschaften - Blauer Wildbacher ist eine Sorte, die sehr spät reift. Gegen Winterfrost ist sie unempfindlich, Spätfröste hingegen sind brandgefährlich. Die massiven Ertragsausfälle des Jahres 2016 zufolge des Kälteeinbruchs in der letzten Aprilwoche sind noch in schmerzhafter Erinnerung. Allerdings regeneriert die Rebe sehr gut, da auch die Beiaugen fruchtbar sind. Sie verlangt den Winzern einiges an Arbeit ab. Sie ist starkwüchsig, was intensive Laubarbeit bedingt. Ihre Anfälligkeit für Oidium und Peronospora, den Echten und den Falschen Mehltau, bereitet den Weinbauern ebenfalls Sorgen. In Kombination mit der Blüteempfindlichkeit sind Ertragsausfälle vorprogrammiert. Wegen ihrer Fäulnisanfälligkeit benötigt sie warme und gut durchlüftete Lagen. Die windigen weststeirischen Hügel bieten sich in dieser Hinsicht geradezu an.

Die Blaue Wildbacher-Rebe liebt kristallinen Untergrund, und den gibt es in Form von Gneis und Schiefer praktisch im ganzen Schilcherland. Im Norden um Ligist und Stainz ist das die absolut dominierende Bodenform. Im Bereich um Deutschlandsberg und ganz im Süden bei Eibiswald kommen Schiefer und Gneis neben Schotter bzw. Sandstein ebenfalls vor. Die kristallinen Böden ergeben Weine mit kühler Frucht, Eleganz und betonter Mineralität. Die sandigen Untergründe im Süden begünstigen reife, würzige Weine mit Aromen von Waldbeeren und Erdbeeren. Die Säure ist tendenziell geringer und weniger fordernd.

Schilcher - Blauer Wildbacher wird in der Steiermark zum allergrößten Teil als Rosé ausgebaut, auch in sprudelnder Form. Als Schilcher ist er mittlerweile weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Aromen nach Stachelbeeren, Cassis, Erdbeeren, Rhabarber und Johannisbeerlaub sowie eine rassige Säure sind charakteristisch. In guten Jahren vinifizieren manche Winzer auch Rotwein, der in seiner fast wilden, säurebetonten Art unverwechselbar ist und als „Blauer Wildbacher“ in den Verkauf kommt. Schilcher ist eine Bezeichnung, die durch das österreichische Weingesetz geschützt ist.

Als „Schilcher“ deklariert und verkauft werden darf ein Wein nur dann, wenn er zur Gänze aus Trauben der Blauen Wildbacher-Rebe gekeltert wurde. Diese müssen ausschließlich in der Steiermark gewachsen sein. Es handelt sich hier um einen Gebietsschutz im Einklang mit EU-Recht.
Mit dem Jahrgang 2018 wurde in der Steiermark ein DAC-Reglement eingeführt, das die Herkunft in den Mittelpunkt stellt, für das Schilcherland wurde die Verordnung „Weststeiermark DAC“ erlassen. Die Basis der Qualitätspyramide bilden die Gebietsweine; der Antrag zur Erlangung der staatlichen Prüfnummer darf nicht vor dem 1. Dezember des Erntejahres gestellt werden. Der Restzucker ist mit 4 g/l limitiert, was für alle DAC-Schilcher gilt. Die Gebietsweine sind als Schilcher Klassik zu bezeichnen. Darüber sind die DAC-Weine mit Ortsangabe angesiedelt; man beschränkte sich auf die vier charakteristischen Herkünfte Ligist, Stainz, Deutschlandsberg und Eibiswald. Sie transportieren die geologischen Eigenheiten der Böden und die mikroklimatischen Verhältnisse des jeweiligen Ortes.

Der über Jahrhunderte aus der Blauen Wildbacher-Rebe gekelterte Schilcher genoss nicht die allerbeste Reputation. Ihm haftete der Ruf eines bäuerlichen, proletenhaften Weines an. Noch vor 30 bis 40 Jahren waren 13 Promille Säure keine Seltenheit. Für Warmduscher war Schilcher völlig ungeeignet, ein Frontalangriff auf die Magenwände sozusagen. Wer langjährige Erfahrung mit diesem urwüchsigen Getränk hat, wird die in der Einleitung zitierte Tagebuchnotiz von Papst Pius nachvollziehen können.

Mittlerweile hat sich viel getan, der Schilcher ist gefragter denn je. Ein beachtlicher Teil der Produktion wird exportiert. Hilfreich war in diesem Zusammenhang der seit einigen Jahren zu beobachtende Trend hin zu Rosé-Weinen. Ausschlaggebend aber waren einige Winzer mit Weitblick und Gespür für mittelfristige Entwicklungen. Die Säurewerte wurden signifikant reduziert, Alkohol und Extrakt haben zugenommen, die Weine sind blitzsauber und fruchtbetont, in vielen Fällen auch kräuterwürzig, von bäuerlich keine Spur. Ein Lagenbewusstsein hat sich entwickelt. Die guten Produzenten verstehen es, die Charakteristika der einzelnen Rieden in den Wein zu transferieren.

Wolfgang Wachter
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