Druck, auch auf ÖWM: Wohin mit soviel Wein?

Druck, auch auf ÖWM: Wohin mit soviel Wein?

Heiße Diskussion: Wohin mit soviel Wein?

Die allerorts kommunizierte Freude über die tolle Weinernte 2018 mit der super Qualität und der großen Menge hat durchaus auch ihre Schattenseiten. Die Diskussion dazu beschäftigt nahezu alle Weinbauverbände und regionalen Komitees in ganz Österreich, erfasst derzeit gerade mit voller Wucht auch die Österreichische Weinmarkting (ÖWM). Bei der Bundes-Delegiertenversammlung Anfang November in Stift Göttweig (Niederösterreich) kochte das Thema am Rande des Festaktes zur Bacchuspreis-Verleihung gehörig auf.

Zum einen sind durch Menge und Qualität, verbunden mit dem frühen Lesebeginn bei großer Hitze, die freien Traubenpreise in den Keller gefallen. Ein Alptraum für Winzer seit den unseligen Zeiten des Weinskandals. Zum anderen wurden in diesem Jahr rekordverdächtige 3,2 Mio. Hektoliter Wein in Österreich geerntet. Der Inlandsverbrauch beträgt, seit Jahren stabil, rund 2,4 Mio. Hektoliter.

Riesige Lagerbestände - Überschuss daher 800.000 Hektoliter, das sind 80 Millionen Liter oder 106,6 Mio. Flaschen 0,75 L. Die wollen erst einmal vermarktet werden. Es handelt sich dabei um Basis- und Grundweine einfacher Qualität.

Dazu kommt noch ein Faktum, das bis vor kurzem auch leitende Weinbaufunktionäre nicht so ganz am Radar hatten: Aus den Erntejahren 2016 und 2015 lagern etwa 1,2 Mio. Hektoliter ebendieser einfachen und Basisweine in den Kellern und Tanks der Winzer und Händler. Weine, die aus spekulativen Gründen noch auf Lager sind. Weine auch, die aufgrund der großen Menge und Topqualität des Jahrgangs 2018 de facto unverkäuflich sind. Und früher oder später in den Kläranlagen enden, sofern sie davor nicht mehr oder weniger verschenkt werden. Gegen Abholung abzugeben.

Heiß diskutiert wird in der Branche nun die Vermarktung dieser Überschussmengen. In den Jahren davor mit geringeren Ernten mussten viele Märkte im Massen-Segment aufgegeben werden: die Supermärkte, vor allem in Deutschland, die Tankweinexporte, halb Osteuropa.

In dieser Situation steigt der Druck auf die ÖWM. Jahrelang wurde hinter vorgehaltener Hand kritisiert, dass sich die ÖWM zu sehr auf das Topsegment der teuren Weine in ebensolchen Lokalen und bei den besten Sommeliers konzentriere. „Was bringt es uns, wenn wir auch noch im letzten 3-Sterne-Restaurant New Yorks mit ein paar Weinen auf der Karte stehen, wir aber auf rund 2,0 Mio. Hektoliter einfacher Weine sitzen?“, fragte ein Winzer am Rande der Bundes-Weintaufe. In diesen Fine-dining-Tempeln werden gerade mal ein paar Karton im Jahr abgesetzt, die Ware muss oft verschenkt werden, um überhaupt auf die Karten zu kommen.

Druck auf ÖWM - Gefordert werden Initiativen, die mengenwirksam sind. ÖWM-Chef Willi Klinger kontert der Kritik, nimmt diese sehr ernst: „Das ist der normale Zyklus des Marktes, das reguliert sich wieder ein, wenn die Weinpreise sinken.“ Klinger meint, das viele Märkte für österreichischen Wein demnächst wieder offen stehen werden: „Ich bin sicher, dass wieder viel mehr im ausländischen Lebensmittelhandel abgesetzt werden kann. Unsere Weine stehen dort um 6,99 Euro wie Blei in den Regalen, weil sie davor 3,99 gekostet haben.“

Der Markt, meint Willi Klinger, springt in dem Moment wieder an, wenn die Preise passen. Sprich: Analog zu den Traubenpreisen drastisch sinken. Angeblich plant auch der britische Supermarktriese Tesco ein eigenes Produkt mit österreichischem Grünen Veltliner in großem Stil.

„Wir haben heuer sofort wieder die Werbung für den „G’Spitzten“ im Inland angeworfen“, argumentiert der ÖWM-Chef. Diese war davor ausgesetzt, weil sich kaum noch österreichische Ware im Spritzwein fand, die war zu teuer. „Wir sind doch nicht blöd und machen Werbung für ausländische Billigweine“, so ein durchaus emotionaler Willi Klinger.

Die ÖWM wird der Forderung nach verstärktem Marketing für Basisweine allerdings umgehend Rechnung tragen. Die Drohung der großen Landwirtschaftskammern, selbst aktiv zu werden und damit die Finanzbasis der ÖWM infrage zu stellen, wirkt nachhaltig. Auch wenn der ÖWM-Chef kontert: „Ich lehne jeden Markteingriff ab, das verzerrt den Wettbewerb und kann nicht erfolgreich sein.“ Schon einmal fiel die Politik mit der Missgeburt einer schnell in den Markt gedrückten Weinmarke auf die Nase.

Zurück zum Altweinbestand und den verfallenden Preisen: Niemand will das Zeug, weil jeder auf den viel besseren und jüngeren Jahrgang 2018 zugreift. Auch die Industrie braucht die Altweine nicht zur Destillation.

„Mir tut keiner Leid, der seine Trauben halb verschenken musste oder auf seinen Altweinen sitzt“, polterte ein großer Winzer aus dem Donauraum, zugleich einer der führenden Weinbaufunktionäre seiner Region: „Das ist pure Unvernunft oder Spekulantion oder beides. Denen braucht niemand zu helfen, die haben auch keinen Anspruch darauf!“

Eine starke Ansage. Mit guten Argumenten. Der freie Traubenmarkt – und nur dieser ist vom Preisverfall bei großen Ernten betroffen – macht maximal 15 % der heimischen Produktion aus. Alle anderen Winzer verarbeiten selbst oder haben fixe Kontrakte, Abnahmeverträge, mit größeren Winzern, Abfüllern, Genossenschaften. Dort sind Abnahme und Preise garantiert.

„Wir haben 85% unserer Produktion mit Verträgen abgesichert“, plaudert eine anderer Winzer aus der Schule, der selbst 120 Hektar Rebflächen besitzt und 100 weitere Hektar verarbeitet. Den freien Lieferanten hat dieser Mann noch im Vorjahr 3-Jahres-Kontrakte um 1,10 Euro pro Kilo Trauben angeboten. Nur wenige haben zugegriffen. Die meisten haben auf höhere Preise spekuliert. Und verloren. Sie mussten ihre Trauben später um 50 Cent, wenige Tage später um 40, dann um 30 Cent verkaufen. Das heiße Wetter zur frühen Lese im August und mangelnde Kühlmöglichkeiten verschärften den Druck.

Die letzten beißen die Hunde - Am Ende zahlten Abfüller und Händler gerade mal 15 Cent für ein Kilogramm guter Trauben. Es gab auch Fälle, wo völlig frustrierte Nebenerwerbswinzer ihre in der Hitze verderbenden Trauben mit dem Miststreuer auf Feldern ausbrachten und vernichten mussten.

„Alle Probleme, die der Markt aktuell hat, sind Altlasten aus dem Jahrgang 2017“, sagt der Kremstaler Obmann des Regionalen Weinkomitees und Winzer Leopold Müller. Die Winzer, die jetzt Probleme haben, hatten im Vorjahr die Trauben zu überhöhten Preisen angeboten und dann nicht verkauft. Der Wein wurde im Frühjahr zurück gehalten als ihn der Markt benötigte, jetzt bleiben sie darauf sitzen. Müller selbst hat in seinem Betrieb in Krustetten im südlichen Kremstal seinen Vertragswinzern in diesem Jahr sogar eine deutlich höhere Menge abgenommen als die Partner im Sommer zum Verkauf angemeldet haben. Die üppige Lese hatte alle überrascht. „Meine Vertragswinzer haben kein Absatz- und kein Preisproblem“, so Müller: „Nur eine langfristige Partnerschaft zwischen Traubenproduzenten und vermarktenden Betrieben führt nachhaltig zu einer Stabilisierung des Marktes, wo für alle Beteiligten jährlich faire Bedingungen herrschen.“

Auch die großen Genossenschaften kauften in diesem Jahr nur von ihren Mitgliedern. „Wir haben jahrelang auf Winzer eingeredet, einen Genossenschaftsanteil zu zeichnen und damit ihre Ware sicher an uns verkaufen zu können“, erzählt der Chef einer der großen Genossenschaften, die gut zehn Millionen Liter Wein abfüllt. Wer heuer nicht Mitglied war, wurde hier keine einzige Traube los.

Viel Licht für den tollen Weinjahrgang 2018 schlägt eben auch große Schatten.

Erwin Goldfuss
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