J. Schmuckenschlager: „Herkunft höchstes Gut“

J. Schmuckenschlager: „Herkunft höchstes Gut“

Johannes Schmuckenschlager: „Herkunft ist höchstes Gut!“

Ein gewaltiger Karrieresprung zum mächtigsten Interessenvertreter der Landwirtschaft katapultiert Johannes Schmuckenschlager (40) am 3. Dezember 2018 aus seinem Amt als Bundes-Weinbaupräsident. Warum die Herkunft das höchste Gut im Weinbau ist und er die Prüfnummer als Heiligtum ansieht, hat er mit Vinaria-Herausgeber Erwin Goldfuss im großen Interview besprochen.

Sie treten nach fünf Jahren als Bundes-Weinbaupräsident wegen eines tollen Karrieresprungs zurück. Warum?

Es stimmt, ich wurde designiert, Hermann Schultes als Präsident der Landwirtschaftskammer Niederösterreich nachzufolgen. Das wird, so hoffe ich, bei der Vollversammlung am 3. Dezember 2018 beschlossen werden. Es ist für mich die einmalige Chance, agrarpolitisch gesamt etwas zu bewegen. Das habe ich bisher auch schon als Nationalrat gemacht, ich bin Vorsitzender des Umweltausschusses im Parlament. Da laufen die Kernthemen der Landwirtschaft zusammen. Und ich möchte noch viel bewegen.

Und der Wein?

Dem Wein bleibe ich natürlich erhalten, keine Frage! Das ist ein Herzensthema und ja auch ein zentrales Anliegen der Kammer.

Wie sehen Sie „Ihre“ fünf Jahre im Rückblick?

Ich glaube, dass uns gemeinsam einiges gelungen ist. Ein harter Brocken war etwa die Neuaufstellung der Finanzierung der ÖWM. Durch die Neuregelung der Marketingbeiträge der Winzer. Jetzt haben wir ein faires System und eine drastische Vereinfachung der Verwaltung, die zwei Drittel der Kosten spart. Ein weiterer Brocken ist das Herkunftssystem mit der Rieden-Definition. Die Herkunft ist das höchste Gut im Weinbau! Jetzt sind auch die Pseudo-Synonyme verboten, die die Herkunft bisher oft verwässert haben.

Welche Probleme hinterlassen Sie Ihrem Nachfolger oder Ihrer Nachfolgerin?

Probleme haben wir derzeit wieder im Fassweinbereich. Der Traubenmarkt ist in Jahren mit guten Ernten noch nicht stabil genug. Das erleben wird in diesen Wochen eben wieder.

Was kann der Bundes-Weinbaupräsident konkret bewirken, was sind aktuell seine wichtigsten Aufgaben?

Zum Beispiel gesetzliche Rahmenbedingungen schaffen oder beeinflussen als Partner gegenüber allen Behörden und Körperschaften. Bei Gesetzes-Begutachtungen im Entwurfsstadium ist oft noch viel zu bewegen. Dazu kommt, dass der Weinbaupräsident positive Trends erkennen und fördern muss, etwa das Riesenthema der Nachhaltigkeit.

Sie haben 2013 ein großes Erbe übernommen, von Josef Pleil, 33 Jahre lang der „Mister Wein“ in Österreich. Wie haben Sie das damals angelegt, als 35jähriger Jüngling?

Josef Pleil zu kopieren wäre das Falscheste gewesen, was ich hätte machen können. Er war der Architekt unseres Weinwunders nach dem Weinskandal und hat lange Zeit den Takt vorgegeben. Ich habe das Amt auf eine breite Basis gestellt und den neuen Erfordernissen entsprechend angelegt. Meine Kontakte im Parlament eingesetzt, ich bin seit zehn Jahren Abgeordneter. Die internationale Arbeit haben wir verstärkt, etwa die so notwendige Kooperation mit dem mächtigen deutschen Weinbauverband, der einer der wichtigsten Partner der EU ist bei der Weingesetzgebung.

Da kommt die AREV ins Spiel, die Vereinigung der regionalen Verbände.

Ja, genau. Mit der AREV haben wir ein wichtiges Sprachrohr und Standbein bei der EU in Brüssel. Und Österreich spielt in der AREV eine viel größere Rolle als es dem kleinen Weinbauland entsprechen würde.

Was möchten Sie Ihrem Nachfolger, Ihrer Nachfolgerin mitgeben?

Er/sie muss unbedingt die Einheit in der österreichischen Weinwirtschaft erhalten und die individuellen Interessen sanft, aber zielstrebig koordinieren. Zudem muss die einzigartige Stilistik des österreichischen Weins verteidigt und weiter entwickelt werden. Das System der Prüfnummern muss sakrosankt bleiben, das ist ein Bollwerk, fast ein Heiligtum. Und er/sie darf nicht allen Trends nachlaufen.

Welche spezifischen Eigenschaften sollte der/die künftige Bundes-Weinbaupräsident/in mitbringen?

Durchsetzungskraft und Handschlag-Qualität, Hartnäckigkeit und politische Vernetzung, sonst kann man nichts bewegen. Ideal ist diese Person dann Winzer oder Winzerin.

Starke Politiker suchen ihre Nachfolger meist selbst aus, sagt man. Sie haben sich sehr für Otto Auer stark gemacht. Warum?

Otto Auer, der auch Vizepräsident der Landwirtschaftskammer Niederösterreich bleiben wird und somit eine starke Basis hat, ist sicher ein sehr geeigneter Kandidat, den ich gerne unterstütze. Beschließen muss das aber die Delegiertenversammlung, die aus den Weinbau-Funktionären aus allen Bezirken in Österreich besteht. Sollte ich am 3. Dezember zum NÖ Kammerpräsident gewählt werden, lege ich das Amt des Bundes-Weinbaupräsidenten zurück. Beides ist nicht kompatibel, ich bin dann ja für alle Sparten der Landwirtschaft zuständig. Andreas Liegenfeld, mein Stellvertreter, wird interimistisch übernehmen. Danach müssen die Gremien entscheiden, die Wahl zum Bundes-Weinbaupräsidenten steht 2019 an.

Böse Zungen behaupten, der Bundes-Weinbaupräsident ist eine Art Erbpacht des größten Weinbau-Bundeslandes Niederösterreich?

Prinzipiell geht es um die persönliche Eignung der Kandidaten, nicht um die regionale oder politische Herkunft. Als mit Abstand größtes Weinbau-Bundesland stellt Niederösterreich aber natürlich einen Führungsanspruch und ist auch der größte Block in den Gremien.

Wie stehen die anderen Bundesländer dazu? Speziell des Burgenland hätte mit dem dortigen Weinbau-Präsidenten Andreas Liegenfeld auch einen kompetenten Kandidaten?

Bei unseren Weinbaufunktionäre orte ich eine große Zustimmung für mich beim Wechsel in die Kammer, weil ich dort sehr viel für den Weinbau bewegen kann. Das wissen unsere Leute. Im Weinbauverband werden die Weichen auf Basis vieler Gespräche gestellt werden, der neue Präsident braucht breite Unterstützung, sonst geht gar nichts.

In der Geschäftsführung bleibt alles beim alten, oder?

Das denke ich schon. Ein Fels in der Brandung, ein Garant für Stabilität und Kompetenz ist unser Geschäftsführer Josef Glatt. Er ist bestens vernetzt und Experte ersten Ranges. Für meine/n Nachfolger/in ist Sepp Glatt die größte Stütze.

An der Weinbaufront ist es im Moment sehr ruhig. Die guten Ernten tragen dazu bei. Probleme wie die Spätfroste 2016 wurden gut gemeistert. Trügt der Schein?

Gute Ernten bringen meist vieles wieder ins Lot. Sorgen macht aber der neuerliche Verfall der Traubenpreise angesichts der guten Mengen und Qualitäten 2018. Der freie Traubenmarkt macht zwar nur 15 bis 20 Prozent aus, ist aber ein Stimmungsmacher gleich zu Beginn der Lese. Daneben macht das verstärkte Auftreten von Pflanzen-Krankheiten Sorgen, etwa der Holzpilz Esca oder die amerikanische Rebzikade.

Wo steht der österreichische Wein international, wohin gehen die Trends?

Beim Weißwein sind wir besonders gut aufgestellt. Da kommt uns auch entgegen, dass der Trend den Cool-climate-Weinen in die Hände spielt, also den Weinen aus den kühleren Anbaugebieten. Die haben mehr Frucht und Mineralik, mehr Struktur und Finesse. Bei den besten Qualitäten haben wir weltweit top Reputation und noch Luft nach oben. Dabei dürfen wir aber unseren Kernmarkt Deutschland nicht aus den Augen verlieren, auch bei den billigeren Qualitäten und den Tankexporten. Es ist zwar schön, wenn Österreich beim neuesten Dreisterne-Restaurant in New York auf der Karte steht, von der Menge her bewirkt das aber nichts. Beim Image natürlich schon. Beides müssen wir geschickt vernetzen.

Welchen Stellenwert geben Sie dem Wein in der heimischen Landwirtschaft? Die Vieh-, Getreide- und Milchbauern sind oft eifersüchtig auf die gehätschelte Stellung des Weines?

Wein hat in unserer Landwirtschaft eine Sonderstellung, weil der Produzent meist auch Verkäufer ist und die Branche ein starkes Marktbewußtsein hat. Die anderen Bereiche sind nicht so eng am Konsumenten dran. Vom Wein können die anderen Segmente aber lernen: 100% Herkunftsgarantie und die besondere Stellung bei unserer Konsumenten, die Patrioten sind, das ist eigentlich der Schlüssel für alles!

Als künftiger NÖ Kammerpräsident werden Sie der wohl mächtigste Interessenvertreter der Landwirtschaft in Österreich sein. Wie wollen Sie dieses Amt anlegen?

Die größte Herausforderung für alle ist der Klimawandel. Da kann die Landwirtschaft viel beitragen. Sie braucht daher eine prominente Stellung und eine starke Stimme in allen wichtigen Belangen der Klima- und Energiepolitik unserer Regierung und der EU.

Wie geht es weiter mit ihrem Familien-Weinbaubetrieb in Klosterneuburg?

Den führt schon seit Jahren höchst erfolgreich meine Frau Andrea. Die Fläche wächst, derzeit sind es zehn Hektar und wir haben auch einen netten Heurigen.

Danke für das Gespräch und alles Gute!


ZUR PERSON

Johannes Schmuckenschlager (40) lebt in Klosterneuburg in Niederösterreich vor den Toren Wiens. Er stammt aus einer Weinbaufamilie und übernahm den elterlichen Betrieb, den Ehefrau Andrea samt Heurigen erfolgreich führt. Das Paar hat zwei Söhne, Paul (19) und Klaus (14). Schmuckenschlager feierte erst kürzlich seinen 40. Geburtstag, gemeinsam mit Zwillingsbruder Stefan, dem aktuellen Bürgermeister von Klosterneuburg. Seit 2008 ist er Abgeordneter zum Nationalrat (ÖVP), damals war er der jüngste Mandatar im Parlament, wo er auch dem wichtigen Umweltausschuss vorsitzt. Sein Mandat hat er bei der Wahl im Vorjahr mit einer großen Anzahl an Vorzugsstimmen souverän verteidigt.

Schmuckenschlager hat eine klassische Karriere in der Jungen ÖVP und im Bauernbund hinter sich. In vielen Funktionen war er der jüngste Mandatsträger. Er verfügt über beste Drähte zu Bundeskanzler Sebastian Kurz und zu Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner. 2013 folgte er dem legendären Josef Pleil als Bundes-Weinbaupräsident nach und hat seither zahlreiche Akzente für den Weinbau gesetzt.
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