Bordeaux 2008: Eine Frage der Balance

Bordeaux 2008: Eine Frage der Balance

Bordeaux 2008: Eine Frage der Balance


Als Teil des zwischen den Topjahren 2005 und 2009 liegenden Trios aus Jahrgängen mit nicht ganz optimalen Bedingungen, wurde der 2008er in Bordeaux besonders kontroversiell diskutiert. DieTen-Years-After-Verkostung von Vinaria ergab ein gemischtes Bild.

Im Bordelais war 2008 fraglos ein herausfordernder Jahrgang, gab es doch eine Reihe von klimatischen Störfaktoren, die potenziell zu qualitativen Beeinträchtigungen führen konnten. Nach einem warmen und trockenen Hochwinter änderte sich im März und April die Wetterlage, die in der Folge viele Regentage und Anfang April sogar eine Frostperiode mit sich brachte. Dementsprechend waren der Austrieb und aufgrund weiterer Niederschläge im Mai und Juni auch die Blütephase verspätet.

Im Hochsommer, der mit einem trockenen Juli und einem wechselhaften August aufwartete, besserten sich die Verhältnisse jedoch und der für die Hauptlese wichtige September war dann auch zumeist trocken und sonnig, sodass die Ernte bei günstigen Bedingungen über die Bühne gehen konnte. Alles in allem handelt es sich freilich um ein spätes Jahr mit einer entsprechend langen Vegetationsphase, welches die besten Terroirs eindeutig bevorzugte.


Vinaria versus Parker & Co - Bereits nach den umfangreichen Primeur-Verkostungen konnte sich Vinaria im Frühjahr 2009 nicht den Lobeshymnen von erfahrenen Bordeaux-Experten wie Robert Parker und René Gabriel anschließen, die eine exzellente Qualität voraussagten. Peter Schleimer hat damals zwar eine ganze Reihe überaus gelungener und hochwertiger Weine verkostet, die aber auch nicht an Monumente wie 2000 oder 2005 (sowie später 2009 und 2010) herangereicht haben.

Diese vorsichtige Einschätzung hat unsere „10-Jahre-danach-Verkostung“ voll und ganz bestätigt. Untadelige Weine mit Saft und Kraft sowie Harmonie waren tatsächlich rar gesät. Nach rund neunjähriger Fass- und Flaschenreife präsentierten sich allzu viele Weine recht schlank und ausdrucksarm, vielfach waren sie auch mit grünen bzw. vegetalen Beitönen und unreifen Tanninen versehen, die den Gesamteindruck erheblich beeinträchtigt haben. Dazu kam noch erschwerend, dass es eine Vielzahl von Châteaux auch in diesem leichten Jahrgang nicht lassen konnten, ihren Weinen eine „Überdosis“ an Holztanninen mitzugeben, bisweilen gepaart mit unsensibel hohem Toasting, das zu stark röstig-rauchigen Noten vor dem Abgang geführt hat.

Dass diese Erscheinungen kein Naturgesetz waren, bewies ein starkes Dutzend harmonischer und eleganter Repräsentanten, für die eine tiefe, klare Frucht mit einer Verbindung von „roten und blauen Aromen“ sowie eine gewisse Rasse bei mittlerer bis guter Dichte kennzeichnend waren – diese Gewächse werden auch sicherlich die nächsten zehn Jahre unbeschadet überstehen; ob allerdings eine längere Lagerung wirklich sinnvoll ist, bleibt vorerst dahingestellt.


St. Estèphe und Pessac-Léognan - Präferenzen für einzelne Appellationen waren kaum festzustellen, wenn auch zwei recht weit voneinander entfernte Gebiete, nämlich St. Estèphe und Pessac-Léognan, auffallend gut abgeschnitten haben. Wenn man das beste Dutzend näher betrachtet, so wurden vor allem jene Weine hoch bewertet, die mit tiefem Fruchtspiel nach Cassis, Kirschen und Zwetschken, mitunter von einem Hauch von Minze oder Menthol ergänzt, im Bukett überzeugt und auch ein ähnlich dunkelfruchtiges Geschmacksbild aufgewiesen haben.

Eben diese Weine haben sich auch als besonders reintönig, vital und rassig erwiesen sowie einen völlig jugendlichen Gesamteindruck realisiert. Zu dieser überzeugenden Gruppe gehörten etwa Branaire-Ducru, Giscours, Léoville-Barton, Calon-Ségur, Latour Martillac sowie allen voran der geradezu verblüffende Cos d’Estournel, der mit seiner Power und Finesse den Jahrgang quasi verleugnet hat. In eine etwas andere Richtung ging eine ebenfalls hoch bewertete Reihe von Bordeaux, wenn eine solche, doch recht subjektive Unterscheidung gestattet sei, die von Smith Haut Lafitte, La Mondotte, Phélan-Ségur, Pavie und Canon-la-Gaffelière angeführt wurde.

Diese Gewächse waren durchwegs recht mächtig angelegt und mit einer relativ hohen Eichendosis versehen, sodass die Gewürznoten nach Kakao, Rosmarin und Thymian dominiert haben, während am Gaumen viel Schokolade und Holzkohle festzustellen waren. Dazu ist noch zusätzlich anzumerken, dass das Trio der St. Emillion-Weine auch sehr modern, ja nahezu in einem „Neue Welt-Stil“ gehalten war. Nahezu alle diese Weine wurden übrigens schon vor neun Jahren bei der Primeur-Verkostung hoch bewertet und mit Vorschusslorbeeren ausgestattet, lediglich Branaire-Ducru und Talbot haben sich im Verhältnis zur seinerzeitigen Einschätzung deutlich gesteigert.


Ewige Preisdebatte - Wie anfangs angemerkt, sorgten auch die Preise seinerzeit für eine heftige Debatte, wohl auch, weil eine größere Anzahl von Weingütern sie anfangs kräftig reduziert und sie dann nach den positiven Parker-Bewertungen zum Teil wieder angehoben hat. Waren nämlich in früheren Jahren kleinere Jahrgänge, die auf größere folgten, wie etwa 2001, 2002 oder 2004, noch davon geprägt, dass die Preise einerseits deutlich gesenkt wurden und andererseits die meisten Weine leicht verfügbar waren, so änderte sich dies mit Jahrgängen wie 2007 und 2008, und zwar offensichtlich für alle nachfolgenden schwächeren Jahre. Vermutlich hatte auch die steigende Nachfrage aus dem Fernen Osten dazugehört, dass auch diese Jahrgänge relativ kritiklos nachgefragt wurden.


Toplist
18,2 Cos d’Estournel, StEs
18,0 Smith Haut Lafitte, PL
17,5 Latour Martillac, PL
17,5 Calon-Segûr, StEs
17,2 Léoville-Barton, StJ
17,2 Mondotte, La, StEmGC
17,1 Giscours, Mgx
17,0 Branaire-Ducru, StJ
17,0 Phelan-Ségûr, StEs
16,9 Pavie, StEm1GCC
16,7 Aguilhe, d‘, CdC
16,7 Gazin Roquencourt, PL
16,6 Canon-la-Gaffelière, StEmGCC
16,6 Clos de l’Oratoire, StEmGC
16,6 Tertre, du, Mgx
16,6 Malartic-Lagravière, PL
16,5 La Lagune, HtM
16,5 Talbot, StJ
16,4 La Fleur-Petrus, StEmGC


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