Lokalaugenschein: 3-Sterne-Street Food

Lokalaugenschein: 3-Sterne-Street Food

Vinaria zu Besuch bei der thailändischen Street Food Königin

Jeder Tuc Tuc Fahrer Bangkoks kennt inzwischen den Namen und die Adresse jener Garküche in Chinatown, die vor wenigen Wochen vom Guide Michelin mit einem Stern ausgezeichnet wurde: Raan Jae Fai. Am Foto das berühmte Krabbenomelett. Von einem Geheimtipp hat sich das kleine Straßenlokal in kürzester Zeit zu einem Hotspot entwickelt an dem kulinarisch interessierte Touristen Schlange stehen um einen der wenigen Blechtische in dem schmucklosen, kleinen Lokal zu ergattern.

Die Warteliste ist lang, und das obwohl die Preise weit über dem Niveau einer Garküche liegen (eine Hauptspeise schlägt sich mit € 20 bis € 26 zu Buche). Am besten ist es, seinen Namen auf die Liste zu setzen und dann die Gegend zu erkunden. Oder man nutzt die Gelegenheit und schaut Jae Fai, auch liebevoll genannt Tante Fai, bewaffnet mit einem kühlen Singha Bier über die Schultern, während sie in ihrer beengten Straßenküche die herrlichsten Gerichte zaubert.

Zu ihrem Markenzeichen gehören die dunkle Motorradbrille (es ist keine Schibrille, wie oft fälschlich behauptet wird, denn die gibt es in Thailand nicht!), die sie zum Schutz ihrer Augen vor dem heißen, spritzenden Fett trägt und die dunkelrot geschminkten Lippen. Auf eine weiße Kochjacke verzichtet sie – stattdessen trägt sie eine einfache schwarze Schürze, eine Wollhaube und Gummistiefel. Geschickt und in windeseile hantiert sie über den beiden offenen Kochstellen. Alle Ingredenzien für die unterschiedlichen Gerichte sind hinter ihr auf einem Tisch geschlichtet. Ohne hinzusehen greift Tante Fai in die Schüsseln und eine Zutat nach der anderen landet entsprechend ihrer Garzeit in den übergroßen, vom Ruß geschwärzten Wokpfannen. Mal kommt eine Sauce aus einer roten, dann wieder aus einer braunen oder weißen Flasche dazu oder ein Schöpflöffel der Suppe, die permanent im Topf brodelt. Es zischt, dampft und manchmal schießen die Flammen meterhoch aus dem Wok. Hin und wieder ziehen auch dichte Rauchwolken über die Straße. Der einzige Luxus, den sich Jae Fai leistet ist ein überdimensionaler Ventilator, der für ein wenig Kühlung sorgt. In den drei Stunden, die wir auf unseren Tisch warten, zaubert sie - ohne auch nur einmal abzuschmecken - an die 160 Gerichte, die dampfend an die Tische gebracht werden. Fleißige Helferleins liefern immer wieder frischen Nachschub an klein geschnittenem Gemüse, Fisch oder Eiern.

Eier und Krabbenfleisch sind die Zutaten ihrer Spezialität mit dem unaussprechlichen Namen Kai- jeaw Puu – auf Deutsch Krebsomlett. Und beim ersten Biss dieses eigentlich einfache Gericht wissen wir, dass sich das endlos lange Warten gelohnt hat. Außen goldbraun und knusprig, innen butterweich und flaumig mit großen Krebsfleischstücken – ein Gedicht von einem Omlett, das auf der Zunge zergeht. Fast bereuen wir, dass wir nur ein Omlett bestellt haben, aber auch die anderen Gerichte, die heute serviert werden wie das „gelbe Crabbencurry“ , die „betrunkenen Nudeln mit Meeresfrüchten“ oder die „Nudeln mit Garnelen“ entlocken uns begeisterte Ahs und Ohs. Harmonisch abgestimmt aufeinander sind Gewürze, die Saucen fein abgeschmeckt und die Chilischärfe treibt uns nicht den Schweiß auf die Stirn (wir haben spicy bestellt, „thai spicy“ ist für Nicht-Thailänder kaum genießbar). Nicht umsonst hängt in einem schmucklosen Rahmen an der Wand ein Artikel der Bangkok Post von 1999 indem Supinya Junsuta, wie Tante Fai mit richtigem Namen heißt, als „Mozart der Nudelpfanne“ gelobt wird.

Noch nicht einmal ein Monat ist vergangen, seit die 70-jährige die Auszeichnung des Guide Michelins entgegengenommen hat und schon möchte sie den Stern zurückgeben. Zu groß ist ihr der Rummel um ihr Lokal und ihre Person geworden. Zu viele kommen nur vorbei, um sie beim Kochen zu fotografieren, um dann ohne zu essen weiter zu gehen. Ihre Tochter, Yuawadee Junsuta, hat ihren Job aufgeben um im Lokal ihrer Mutter zu helfen. Sie kümmert sich ausschließlich um die Reservierungen (seit neuestem kann auch telefonisch reserviert werden) und das Handy klingelt ohne Unterbrechung. Das schlimmste aber ist für Tante Fai, dass viele ihrer Stammkunden aufgrund des immensen Andrangs ausbleiben.

Wem dieser Andrang zu groß ist, wird aber sicherlich in einer der 50.000 anderen Garküchen Bangkoks fündig. Wer nicht auf eigene Faust unterwegs sein möchte und den zahlreichen (teils exzellenten) Garküchen in schmuddeligen Hinterhöfen nicht traut, findet im Guide Michelin noch weitere 12 exzellente Streetfood Lokale ausgezeichnet mit dem „Bib Gourmand“.


Raan Jae Fai
Samran Rat, Phra Nakhon, Bangkok 10200, Thailand, T: +66 92 724 9633


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